Donnerstag, 12. Dezember 2013

Neu: Artikel über Schamanismus!

Um Ausführlicheres über die Methoden ecuadorianischer Schamanen zu erfahren, schaut doch mal hier vorbei!

Freitag, 6. Dezember 2013

Máncora

27. August

Nachdem wir uns an unserem letzten Abend in Cuenca ausnahmsweise mal mit guter deutscher Hausmannskost gestärkt haben, stehen wir erwartungsvoll vor dem Bus nach Máncora und warten darauf, unsere Rucksäcke im Kofferraum verstauen zu können. Vor uns ist aber erst mal ein älterer Mann dran, der offenbar umzieht: Von Traktorreifen bis Küken in Pappkartons mit Luftlöchern lädt er alle möglichen Dinge in die Gepäckfächer, sodass wir uns nicht unberechtigt fragen, ob danach überhaupt noch Stauraum für die anderen übrig bleibt. Aber alles – auch die Grenzkontrolle – läuft unglimpflich ab. Nur von Schlaf kann heute Nacht nicht die Rede sein. Dafür lernen wir eine nette Japanerin kennen, mit der wir während der letzten Stunden vor Máncora philosophische Theorien auf Englisch diskutieren und dabei klebrige ecuadorianische Popcorn-Bällchen naschen.

Es ist noch dunkel, als wir in dem kleinen touristischen Küstenort ankommen. Siedend heiß fällt mir ein, dass wir ja noch Geld hätten wechseln müssen! Zum Glück nimmt der Rikscha-Fahrer, der uns zu unserer Unterkunft bringt auch Dollar. Doch beim Preis werde ich stutzig: fünf Dollar. „¿Está lejos de aquí?“ („Ist das weit weg von hier?“), frage ich ihn. „Sí, muy lejos“. Etwas skeptisch steigen wir ein und nach weniger als einem Kilometer sind wir auch schon da. Na toll. „Muy lejos...“, grummele ich. Herzlich Willkommen in Peru!

Nach einer ordentlichen Mütze Schlaf in unserem Hostel im balinesischen Stil bin ich vormittags wieder guter Dinge. Doch leider stellt sich heraus, dass Máncora nicht das charmante Fischerdörfchen mit breitem weißen Sandstrand ist, das ich mir vorgestellt hatte, sondern vielmehr eine Straße mit einem Haufen Bikiniläden und verhältnismäßig teuren Restaurants und Hotels. Über den Strand, der wirklich toll ist, aber leider kaum über Schatten verfügt, schallt die Musik der US-amerikanischen Charts und in der knalligen Sonne lassen sich weiße Touristen die Rücken krebsrot brennen und trinken und kiffen von morgens bis abends. Dafür habe ich sonst nirgendwo in Südamerika so gut gebadet wie in den warmen (quallenfreien!) Wellen Máncoras, die sich offenbar auch gut zum Surfen eignen. Letzteres wollen wir auch unbedingt mal ausprobieren. Aber der Plan fällt ins Wasser, da ich mir am nächsten Vormittag selbst so sehr die Beine verbrenne, dass ich eine knappe Woche lang nicht schmerzfrei sitzen kann. Die Ironie des Schicksals...
Wir nutzen die Tage in Máncora also in erster Linie zum Rumgammeln (ein Widerspruch in sich). Dabei geben wir so viel Geld wie nirgendwo in Südamerika für Essen aus, das hier zugegebenermaßen aber auch super schmeckt, und schauen abends die US-Open im Fernsehen. Trotzdem bin ich sehr froh, nach knapp drei Tagen wieder abzureisen, denn diese Lethargie ist einfach nicht so mein Ding.





Dienstag, 26. November 2013

Neu: Erläuterungen zu den FARC!

Sicher wundert ihr euch, dass ich schon wieder ein bisschen gebraucht habe, um weiterzuschreiben. Das liegt daran, dass ich meinen Vortrag für ein Seminar von der Studienstiftung dieses Wochenende vorbereitet habe - über ein Thema, das mit meiner Reise zusammenhängt: Die Rolle der FARC im bewaffneten Konflikt Kolumbiens. Mein Skript habe ich auch im Blog veröffentlicht. Bei Interesse findet ihr es hier :-)

Cuenca

24. August

Nach einer weiteren, diesmal unfreiwilligen Übernachtung in Baños geht es heute weiter nach Cuenca. Unfreiwillig deshalb, weil wir eigentlich schon gestern in der Stadt mit den schönsten Kolonialbauten Ecuadors ankommen wollten. Blöderweise gibt es aber keine vernünftige Busverbindung zwischen Tena und Cuenca. Also haben wir heute Morgen nochmal Brombeersaft und Miniempanadas an unseren Lieblingsständen in der Markthalle von Baños gekauft und uns damit für die achtstündige Busfahrt gestärkt. In Riobamba müssen wir mittags umsteigen, aber leider ist der Anschlussbus ausgebucht und wir sitzen schon wieder fest. Doch diesmal zum Glück nur zwei Stunden. Das Warten lohnt sich: Die folgende Busroute ist eine der wohl schönsten in Ecuador. Sie führt durch beeindruckende Felslandschaften mit kleinen Dörfchen, die nur aus Kirchen zu bestehen scheinen. Zwei Stunden vor Cuenca wird das staubige Grau schlagartig zu einem saftigen Grün mit grasenden Kühen auf runden Hügeln. Erst bei Sonnenuntergang sehen wir die Umrisse der Stadt, die auch in Westeuropa liegen könnte, so gepflegt und reich wie sie aussieht.

Gegen 19 Uhr befinden wir uns mitten im Centro Histórico, das mit seinen vielen Häusern im Barockstil und der Kathedrale sicher eine der schönsten Altstädte ist, in denen ich je war. Und: Nirgendwo in Ecuador habe ich mich so sicher gefühlt wie hier! Das einzige Problem: Wir haben noch keine Unterkunft. Also quatschen wir ein paar Touristen auf der Straße an, die sich als kolumbianische Hippies entpuppen. Das junge Paar reist mit seinem ungefähr 12-jährigen Sohn und verdient das nötige Geld dazu durch den Verkauf von Torten und (natürlich!) auch durch Kunsthandwerk. Die Hippies kennen ein gutes Hostel, “muy económico“, wie sie sagen, in der Nähe und laufen mit uns zusammen hin. Die Perla Cuencana ist ein Geheimtipp für Reisende mit kleinem Budget. Wir bekommen ein Fünferzimmer für uns allein und bezahlen nur 5 Dollar pro Person. Das W-LAN funktioniert einwandfrei und das Wasser ist herrlich warm. Und das Beste: Von der Dachterrasse aus haben wir einen wundervollen Blick auf die beleuchteten Kuppeln der Kathedrale. Unglaublich!

Da wir das ecuadorianische Almuerzo – bestehend aus einer Vorsuppe und Hühnchen oder Fleisch (ja, wirklich: “pollo o carne“!), Reis und Linsen – so langsam wirklich satt haben, gehen wir heute arabisch essen. Als wir gehen wollen, regnet es in Strömen, also beschließen wir, in der Bar nebenan einen Cocktail zu trinken. Wir bestellen zu zweit eine Kanne Caipi. Kurz darauf kommt die Kellnerin zurück und sagt, sie habe keinen Cachaça. Na schön. Wir studieren die Cocktailkarte weiter, doch letztendlich stellt sich heraus, dass es nur Cuba Libre und Mojito gibt, weil alle Basisspirituosen außer Rum leider aus sind. Wir entscheiden uns für den Mojito, in dem dann auch nichts anderes drin ist, als Rum, Minzblätter, ein kleines bisschen Leitungswasser und noch weniger Zitrone. Nach zwei Schlucken ist mir schon schwindlig und wir lassen den Rest lieber stehen.
Stattdessen versuchen wir uns in einer anderen Bar lieber an einer typisch ecuadorianischen Spezialität: Canelazo – ein heißes Getränk, das an Apfelglühwein erinnert, aber aus Naranjillasaft, Zimt, Nelken und Zuckerrohr-Aguardiente besteht. Passt ja auch viel besser zum kalten verregneten Wetter! :-)

Ziemlich angetrunken falle ich gegen 23 Uhr ins Bett. Als Marvin sich auch hinlegt, hören wir ein lautes Knacken – eine Latte vom Rost hat sich leider gerade verabschiedet. Wir legen uns in eines der anderen Betten. Spätestens nach 5 Minuten haben wir auch davon die Nase voll, denn die Federn aus der Matratze bohren sich in unsere Rücken. „Typisch Sozialismus – alle bekommen etwas, was zwar eine Macke hat, aber so ein bisschen funktioniert“, sagt Marvin und ich lache. Kapitalistisch wie wir sind, tauschen wir die Matratzen der beiden Betten aus... und schlafen beim beruhigenden Trommeln der Regentropfen auch sehr bald ein.

Am nächsten Vormittag machen wir nach einem ausgiebigen Frühstück in der Panadería um die Ecke erst mal eine Stadtrundfahrt, denn Cuenca hat immerhin ungefähr so viele Einwohner wie Bremen. Dabei lernen wir eine deutsche Familie kennen, die zwar schon seit zwei Wochen in Ecuador ist, sich aber bisher nicht getraut hat, in einem Markt zu essen und auch sämtliche ecuadorianische Spezialitäten nicht kennt. Als ich von Morocho, Colada Morada, Empanadas, Cuy und Co. erzähle, holen sie erst mal ihre Kamera raus und filmen mich, damit sie sich das alles merken können. Ihre Tochter nörgelt rum, dass sie lieber zu Subway möchte, es ist also eher fraglich, ob meine Lokal-Guide-Aktivitäten zu etwas führen...

Cuenca ist wirklich eine tolle Stadt. Besonders gut gefallen mir der Blumenmarkt bei der Kathedrale und all die schön begrünten Plätze. Das einzige Problem sind die Stromkabel, die über den Straßen hängen. Unser Doppeldeckerbus nimmt gleich eines von ihnen mit und wir müssen uns an fast jeder Kreuzung ducken...
Auch hier besuchen wir regelmäßig die Markthalle. Das wohl skurrilste Erlebnis hatten wir mit einem ecuadorianischen Händler, der uns eigentlich Scheren und Nähzeugs verkaufen möchte:
“¿Tijeras?“
“No, gracias“
“¿Neceser de costura?“
“¡No gracias!“
“¿¿Elvis Priislii??“
Er grinst und zeigt dabei seine schiefen Zähne und zieht einen Haufen kleiner Elvis-Presley-Puppen hervor, die hin und her wackeln wie Wackeldackel. Ich bin völlig verdutzt. Und sprachlos. Später bereue ich, keine dieser Puppen gekauft zu haben. Die Situation war einfach zu komisch.












Blumenmarkt




ecuadorianischer Spielplatz - um Einiges gepflegter als in Deutschland!

Samstag, 9. November 2013

Sinchipura


21. August

Eigentlich sollte gerade einer dieser magischen Momente sein. Wir laufen Jorge, einem Einwohner eines indigenen Dorfes hinterher, immer weiter und weiter ins grüne Geäst des Dschungels. Es ist eine aufregende Wanderung auf einem Pfad, der erst mit Machete freigelegt werden muss, um überhaupt passierbar zu sein. Wir klettern über Felsen und halten uns dabei an Wurzeln fest, hautnah sehen wir eine giftige Korallenschlange im Unterholz. Dank der feuchten Hitze klebt meine weiße Baumwollbluse an meinem Oberkörper. Eine unglaubliche Vielfalt an Schmetterlingen und Helikonien ziert diesen urnatürlichen Ort. Marvin scheint die Wanderung sehr zu genießen, was mich freut. Doch ich möchte einfach nur weg.
Was ist nur mit mir los? Ich bin so in mich gekehrt wie selten. Fühle mich erdrückt, gefesselt, obwohl ich doch so frei bin wie nie zuvor! Wie fast nie zuvor.
Ich glaube, mir fehlt das Alleinsein. Es mag paradox klingen, doch ich vermisse die Einsamkeit.
Denn Einsamkeit ist für mich nichts Negatives. Einsamkeit ist wie Zweisamkeit, nur eben allein. Ich möchte endlich mal wieder ungestört philosophieren, reflektieren, oder überhaupt erst einmal wahrnehmen!
Wenn ich dies momentan versuche, fühle ich mich, als würde Marvin mir zuhören, meine Gedanken lesen. Natürlich ist ihm das nur bis zu einem geringen Maße möglich und doch fühle ich mich in meiner Privatsphäre gestört.
Ich weiß, dass ich mich anders verhalten würde, würde ich denken wie in einsamen Zeiten. Obwohl Gedankenfreiheit ein Grundrecht eines jeden Menschen ist, kann ich sie nicht ausleben, wenn andere kontinuierlich anwesend sind. Warum nur?
Eines ist mir klar: Durch mein verändertes Verhalten fühle ich mich nicht wohl. Ich bin geradezu unkontrolliert patzig und ungerecht, obwohl ich weiß, dass es objektiv gesehen keinen Anlass dazu gäbe.
Auch meine Wahrnehmung verändert sich durch meine unterdrückte Gedankenwelt. Ich kann mich weniger auf fremde Menschen einlassen, denn da ist immer noch ein Begleiter, der das kritisch betrachten könnte.
Dazu kommunizieren Marvin und ich natürlich ständig – auch, wenn wir gerade nicht reden. Es lenkt mich unwahrscheinlich von der Außenwelt ab, welche nur noch wie ein Film an mir vorbeizuziehen scheint.
Meine eingeschränkte, verzerrte Wahrnehmung spiegelt sich sogar in meinen Texten wieder, in denen ich nun häufig davon schreibe, was WIR denken, finden und fühlen und nicht, was ICH unabhängig davon meine. Und diese pausenlose Wir-Wahrnehmung ist offenbar das, was mich auf Dauer enorm unzufrieden macht.

Vielleicht habe ich früher einfach nie meine Gedankenfreiheit ausgelebt und das erst jetzt durch meine Zeit in Quito gelernt. Versuchen wir im Alltag nicht ständig, uns in bestimmte Rollenbilder einzupassen – die Vorzeigetochter, die Einser-Schülerin, die perfekte Partnerin? Ist es vielleicht sogar notwendig, sich im Rahmen dieser bestimmte Gedankengänge zu untersagen – oder gar nicht erst zuzulassen?
Möglicherweise hänge ich nun einfach nur im Spagat zwischen der Anpassung an das Rollenbild „perfekte Partnerin“ und der Freiheit, in der ich mich in den letzten Wochen entfalten konnte...

Blöderweise helfen mir all diese Gedanken dennoch nicht weiter. Denn im Endeffekt sehne ich mich immer nur nach meiner vergangenen Zeit in Quito, die ich nicht zurückholen kann...


Das indigene Dorf Sinchipura, in dem wir fast drei Tage wohnen, ist wie ein Paradies auf Erden. Es liegt direkt an einem rauschenden Fluss mitten im Urwald und ist nur über eine einzige Brücke erreichbar. Hühner, Küken und Hunde laufen frei herum, es riecht den ganzen Tag über nach Lagerfeuer. Jede der etwa 10 Familien hier besitzt ein eigenes Holzhaus, die Gärten voller Kakao-, Yuca- und Bananenpflanzen erstrecken sich bis ins scheinbar Unendliche in den Wald hinein. 
Der bereits erwähnte Jorge ist die nächsten Tage sowas wie unser Reiseleiter, da er neben Quechua im Gegensatz zu vielen anderen fließend Spanisch spricht. Er ist Bildhauer und zeigt uns nach unserer Dschungelwanderung seinen Arbeitsplatz, ein kleines Holzatelier, in dem wir gemeinsam Kreisel aus der Schale einer Dschungelfrucht und einem dunklen Holzsorte schnitzen. Es tut gut, sich mal wieder kreativ ausleben zu können, deshalb verziere ich gleich noch einen zweiten Kreisel, während Marvin mit den Männern der Dorfgemeinschaft Fußball spielt. Als es in der Holzhütte dunkler wird, weil draußen die Dämmerung hereinbricht, setze ich mich in eine Hängematte, sehe den anderen beim Spielen zu und verliere mich in einer gedankenlosen Starre, die erst wieder aufgehoben wird, als wir mit Jorge auf der Veranda des Gemeinschaftshauses zum Abendessen Platz nehmen. Wir tauschen uns über die Sozialsysteme Ecuadors und Deutschlands aus. Als wir Jorge erzählen, wie hoch der Hartz-IV-Satz in Deutschland ist und dass es sogar noch eine Sozialwohnung gratis dazu gibt, kann er es kaum glauben. Noch fassungsloser wird er, als wir erwähnen, wie viele Menschen in Deutschland einfach aus Bequemlichkeit dieses Geld kassieren und nicht arbeiten gehen. Denn in Ecuador gibt es zwar ein Arbeitslosengeld, dieses beträgt allerdings nur ca. 50 Dollar im Monat und wird allenfalls von Menschen mit absoluter Arbeitsunfähigkeit bezogen. Ansonsten haben hier alle eine Arbeit, egal wie klein und unbedeutend diese auch sein mag.

Als wir gegen neun zurück in unsere Schlafhütte gehen, ist der schwarze Himmel besetzt von unendlich vielen funkelnden Sternen und der Vollmond scheint silbern in unsere müden Gesichter. Trotz meiner Unzulänglichkeiten schlafe ich heute recht zufrieden unter meinem Moskitonetz ein, denn mir wird mal wieder bewusst, wie nichtig meine Probleme im Gegensatz zu anderen Missständen auf dieser Welt sind.

Die nächsten Tage leben wir gemütlich dahin beim Baden in Lagunen, einer Flusswanderung und typischen indigenen Aktivitäten wie der Chicha-Herstellung (ein ziemlich markantes Getränk aus vergorener Yuca) und Rohrstock-Schießen. Letzteres war ursprünglich eine Jagdtechnik, mit der man angeblich bis zu 80 Meter weit schießen konnte. Wir bekommen es allerdings nicht einmal wirklich hin, den Stiel der Helikonie zu treffen, die Jorge als Zielscheibe ca. 10 Meter vor uns in die Erde gesteckt hat... 
Mein persönliches Highlight aber ist die Motorradfahrt zu dritt zur Laguna Azul über die Schotterwege und Brücken der indigenen Dörfer. Es ist ein wundervolles Gefühl, wie der Tropenwind durch meine Haare kämmt, während wir hucklige Hügel rauf und runter sausen. Leider vergesse ich dabei völlig, dass sich unter meinem rechten Bein das Auspuffrohr befindet, an dem ich mir beim Absteigen erst mal eine schöne Brandblase zuziehe... pero valió la pena!









die Korallenschlange






Jorges Atelier









Rohrstock-Schießen




Mittwoch, 30. Oktober 2013

Tena


20. August

Aus dem angenehm kühlen Baños fahren wir heute in den Dschungel nach Tena. Je weiter wir gen Osten gelangen, desto merklicher beschlagen die Scheiben des Busses und desto mehr Kleinhändler preisen an den Haltestellen gekühlte Getränke an. Nach etwa vier Stunden haben wir unser Ziel erreicht. „Das ist doch gar kein richtiger Dschungel“, beschwert sich Marvin, als wir in der Hauptstadt der Provinz Napo aus dem Bus steigen. Der Einwand ist nicht ganz unberechtigt, denn das staubige, graue Tena sieht auf den ersten Blick so aus, als sei es innerhalb der letzten dreißig Jahre aus dem Boden gestampft worden. Viel zu viele schäbige Hostels ziehen sich an der Hauptstraße entlang, sie wirken ausgestorben, was kein Wunder ist in dieser hässlichen, bedrückend heißen Gegend. Wir steigen in das nächstbeste Taxi und lassen uns zu unserer Pension, dem Casa Blanca, fahren, das Gott sei Dank ein bisschen außerhalb liegt. Und erleben eine Überraschung: Offenbar erwartet uns die amerikanische Besitzerin Michelle nämlich schon, als wir an der Tür stehen. Kurios, denn ich habe gar keine Reservierung gemacht! 
Nach großer Verwirrung stellt sich erst abends heraus, dass sie uns augenscheinlich für einen anderen Gast gehalten hat, der aber verhindert und daher doch nicht angereist ist...
Das Casa Blanca ist jedenfalls ein absoluter Glückstreffer. Jerry ist Tourguide und berät uns bei unserer Planung eines Dschungeltrips. Die Pension ist erst ein paar Monate jung und entsprechend bemüht ist die Familie um ihre Gäste – Jerry lädt uns erst mal für heute Abend zum Hotdogs essen ein.

Nachdem wir uns aller überflüssigen Kleidung entledigt haben, laufen wir zu Fuß in das eigentliche Zentrum Tenas. Dazu überqueren wir zunächst die Landebahn eines alten Flughafens, die mich in einen inspirierenden Gedankenfluss bringt. Ich stelle mir vor, wie es hier wohl vor 50 Jahren ausgesehen haben mag – ein kleiner Ort mitten im Urwald, der womöglich als Ausgangsort für Dschungelexpeditionen genutzt wurde. Ich denke an die alten kleinen sepiafarbenen Propeller-Flugzeuge mit ihren doppelten Flügeln. An die Naturforscher mit ihren Notizbüchern mit Ledereinband, in denen seltene Pflanzen noch aufgezeichnet wurden. Eine Zeit ganz ohne Internet und Handy. Wie schön... Manchmal wünschte ich, ich wäre früher geboren worden.
Bei unserem kleinen Stadtrundgang stelle ich fest, dass Tena irgendwie doch etwas hat mit seiner städtischen, aber verschlafenen Atmosphäre und der mit bunten Vögeln verzierten Fußgängerbrücke, die über einen der vielen Flüsse hier in der Gegend führt. In Kombination mit der schwülen Hitze ergibt alles ein in sich stimmiges Bild. Eine Stadt, die mich zum Phantasieren anregt, warum auch immer.

Gegen sechs Uhr abends laufen wir zurück zum Casa Blanca und machen uns frisch für unsere Essenseinladung. Als Michelle uns die Tür zu ihrem Haus öffnet, stehen wir gleich direkt in der Küche mit ihrer Mutter, die gerade einen leckeren Karottenkuchen fertig macht, und den beiden Töchtern, die wild herumtoben. Wir helfen, draußen den Tisch zu decken. Jerry entfacht ein Lagerfeuer, über dem wir unsere Würstchen und später Marshmallows grillen. Und wieder fühlt es sich ein bisschen an wie in einer anderen Zeit, auch wenn es damals wohl noch keine Marshmallows und Hotdogs gab. Aber der rauchige Geruch, das knisternde Feuer und das Zirpen der Grillen in dieser lauen Nacht sind bereits ein Vorgeschmack auf unser Dschungelabenteuer. Und schließlich sind wir doch traurig, dass heute unser einziger Tag in Tena ist.












Baños


17. August

Beim für ecuadorianische Verhältnisse reichhaltigen Frühstück am nächsten Morgen erfahren wir, dass heute leider kein Bus in Quilotoa hält, da Samstag ist. Wie blöd, denn wir müssen unbedingt weiter – es liegen noch fast 5000km Reiseroute vor uns. Netterweise kann uns der Bruder der jungen Ecuadorianerinnen gegen ein kleines Trinkgeld in den nächsten größeren Ort mitnehmen. Doch kaum sitzen wir in der Camioneta (diesmal bei der Kälte zum Glück nicht auf der Ladefläche), fragen wir uns, ob das so eine gute Idee war, denn der junge Mann fährt wirklich sehr abenteuerlich...
Im nächsten Dorf, das auch nicht viel größter ist als Quilotoa, aber heute Markttag hat, wartet auch schon ein kleiner Bus zurück zur Panamericana. Als wir umsteigen, hupt uns ein grauer, etwas schäbiger Minivan an. Und wir trauen unseren Augen nicht. Denn drinnen sitzen zwei Hippies, die wir zwei Tage zuvor in Puerto Lopez kennengelernt haben. Eigentlich wollten die doch noch an der Küste bleiben? Und dann treffen wir die ausgerechnet in so einem Kuhkaff wieder, in dem wir uns nicht mal länger als fünf Minuten aufhalten!

Nach den endlosen Serpentinen durch die grüngrauen steilen Felder kommen wir nachmittags in Baños an (nein, es geht hier nicht um Toiletten, die heißen auf Spanisch nämlich genauso ;-) ). Der kleine, etwas touristischere Ort gefällt uns auf Anhieb. Er liegt in einem bezaubernd hübschen Tal, in dem kleine Wolken an den Bergen hängen und Wasserfälle scheinbar aus dem Nichts sprudeln. Bekannt ist Baños für seine heißen Quellen, die leider gerade jetzt am Wochenende völlig überlaufen sind. Auf der Suche nach unserem Hostel kommen uns zwei Mädchen auf Pferden entgegen. Und schon wieder kann ich es nicht fassen – eine von den beiden ist Sophia, eine meiner Mitpraktikantinnen im Krankenhaus. Später stellt sich heraus, dass wir sogar im gleichen Hostel schlafen, das übrigens geradezu luxuriös für die neun Dollar pro Nacht ist.
Baños mit seinen vielen Aktivitäten von Biking bis Canopying und seinem Mercado Central, in dem wir jeden Tag andere exotische frischgepresste Säfte probieren und Mini-Empanadas essen, ist so erholsam, dass wir einen Tag länger bleiben als geplant.
Am letzten Tag geben wir uns dann den Adrenalinstoß pur: Vormittags raften wir auf dem Rio Negro – ein unglaublicher, erfrischender Spaß! – und nachmittags stürzen wir uns liegend an einem 1000 Meter langen Drahtseil gesichert die Schlucht hinunter. Wir fliegen so schnell, dass uns der Wind Tränen aus den Augen drückt und sich ein ganz kribbliges Gefühl im Bauch breit macht.

Sicher werde ich eines Tages nochmal in diesen entspannten Ferienort zurückkehren – denn obwohl wir wegen der heißen Quellen hierher gekommen sind, haben wir es absurderweise völlig versäumt, baden zu gehen...



die heißen Quellen von Baños





Gottesdienst - in Ecuador noch gut besucht!





Rafting!



Canopy!

unser Frühstücksraum mit guter Aussicht (s.u.)